Zu Beginn dieses Jahres beschließe ich also, mich die kommenden zwölf Monate mit der Kultur rund um den Tod, das Sterben und der Trauer zu beschäftigen. Wieso? Das kann ich selbst nicht genau sagen. Vielleicht weil ich im letzten Jahr meine beste Freundin zur Beerdigung ihres Vaters begleitet habe. Vielleicht, weil ich im Krankenhaus plötzlich mit der Endlichkeit meines eigenen Lebens konfrontiert wurde. Vielleicht auch, weil ich mich schon in meinem Studium und nun auch in meinen Zeitschreiber-Workshops der Reflexion des Lebens gewidmet habe und schnell auf den Trichter gekommen bin, dass das Leben durch nichts so sehr geprägt wird, wie durch seine Endlichkeit. Memento Mori lässt grüßen – Bedenke, dass Du sterben wirst.
Wo anfangen?
Als allererstes treffe ich mich mit Sven*, einem befreundeten Bestatter und stelle ihm ins Blaue hinein alle Fragen, die mir einfallen, zum Beispiel: Wie teuer ist die günstigste Art, bestattet zu werden? „Tausendfünfhundert Euro“, sagt Sven zu meinem Erstaunen, weil ich das doch relativ günstig finde. Eine Seebestattung sei das, sagt Sven, allerdings ohne das Beisein der Familie. Dann erzählt er von einer Alternative im gleichen Preissegment: Eine anonyme Urnen-Beisetzung irgendwo in Ostdeutschland. Dort werden Menschen beerdigt, die ohne Angehörige sind und bei denen die Kommune für die Bestattung sorgt. Die Körper dieser Menschen werden manchmal mehrere Hundert Kilometer von Ihrer Heimatstadt beigesetzt. "Discount-Bestattungen", nennt Sven diese preisgünstige Variante eines Begräbnisses und versucht seine Kunden, behutsam umzustimmen: „Ich möchte die zuständigen Behörden davon zu überzeugen Vom Discount-Friedhof zur Seebestattung überzugehen. Aber sie wollen die Urnen exhumieren können, falls sich irgendwann doch noch Angehörige melden.“ Gegen dieses Argument finde ich irgendwie keinen Einwand. Trotzdem möchte ich so nicht begraben werden.
Ich frage Sven nach alternativen Trauerfeiern. Diejenigen, die ich kenne, sind sich in ihrer Weise alle sehr ähnlich, egal ob die Toten jung oder alt, gläubig oder atheistisch waren - Die Trauerfeiern sind irgendwie immer wie von der Stange: Ein Pastor oder Pfarrer hält in einer Kapelle oder der Kirche eine Rede über den Verstorbenen, meist ohne ihn je persönlich kennengelernt zu haben. Die Rede speist sich aus den Angaben der Angehörigen, die im Schnellverfahren Bericht erstatten mussten, ohne das traurige Ereignis überhaupt erst begriffen zu haben. Ich frage mich, für wen Trauerfeiern eigentlich abgehalten werden. Als Ehrerweisung gegenüber dem Verstorbenen, ok. Aber als Abschiedsfeier für die Hinterbliebenen? So verstehe ich sie jedenfalls nicht. Müssen diese doch die Familie repräsentieren, Kondolenzen entgegennehmen und ihre Rolle spielen: Die des trauernden, aber sich beherrschenden Familienmitgliedes, von dem erwartet wird, es allen Recht zu machen.
Sven erzählt mir indes von einer Trauerfeier, die sich nicht an die Regularien des Normativen gehalten hat: Die Bestattung eines mittdreißiger Punk-Rock-Musikers. Auf eine Trauerrede wurde verzichtet, stattdessen lauschten die Angehörigen dem letzten Album des Verstorbenen und ließen genüsslich einen Joint rumgehen. Schön, denke ich, auch wenn ich selbst eine Punk-Rock-Bestattung aus akustischen Gründen ablehnen würde. Diese Trauerfeier hat den Teilnehmenden sicherlich die Möglichkeit geboten, ihren Verstorbenen so zu verabschieden, wie sie ihn kannten. Auf die Standardisierte Beerdigung aus dem Katalog wurde verzichtet, die Persönlichkeit des Toten hingegen hervorgehoben und seiner Art zu Leben wurde gehuldigt.
Das Gespräch mit Sven soll für mich eine Einstimmung sein, der Beginn einer längeren Auseinandersetzung mit dem Tod und unserem Umgang mit ihm. Als Sven mich einlädt, in seinem Bestattungsunternehmen eine Hospitanz zu leisten, sage ich sofort zu – und denke erst einen Augenblick später darüber nach, was das für mich bedeutet: Werde ich dann wirklich einen toten Menschen anschauen? Werde ich in einem Leichenwagen fahren und ein Krematorium besuchen? Diese Vorstellung kostet mich ein wenig Überwindung. Warum? Weil all das bei uns hinter vorgehaltener Hand und dem Aushängeschild der Pietät abgewickelt wird. Früher waren Familien noch selbst für das Begräbnis ihrer Angehörigen zuständig. Doch heute geben wir den Job ab, an einen Bestatter, der sich um unsere Angehörigen kümmert. Jemand anders hebt das Grab aus, jemand anders wäscht und kleidet die Toten für uns. Wir ziehen eine Barriere zwischen den Tod und uns und wollen unsere Verstorbenen „so in Erinnerung behalten, wie sie waren“. Aber vergessen wir dabei nicht, dass das Leben mit dem Zerfall des Körpers endet? Dass zum Leben nicht nur Gesundheit, sondern auch Krankheit zählt? Und zu einem Körper nicht nur Schönheit, sondern auch Verderben und vielleicht sogar Ekel? Gehört zu einem „wie sie waren“ nicht auch das (An-)Erkennen, wie sie im Zustand ihres Todes waren?
Ich schreibe diese Gedanken auf und nehme eine innere Beklommenheit wahr, eine Stimme, die sagt: „Weise Worte, aber kannst Du selbst dieser Ansicht folge leisten?“. Eine Hürde ist das Thema Tod definitiv für mich, Berührungsängste kann ich nicht verleugnen. Doch möchte ich versuchen herauszufinden, wie sich mein eigener Umgang mit dem Tod gestaltet und wie er sich durch die Konfrontation im Laufe meiner Recherchen verändert. Im Idealfall werde ich am Ende des Jahres eine leichtere Herangehensweise für mich gefunden und eine konkrete Vorstellung davon haben, wie ich mir den Umgang mit dem Tod für unsere Gesellschaft und für mich ganz persönlich wünsche.
Begleitet mich gern auf diesem Weg. Lest meinen Blog und schreibt mir Kommentare oder E-Mails. Ich freue mich sehr, Eure Ansicht der Dinge zu erfahren, Einwände zu hören und mich mit Euch auszutauschen. Bis dahin zitiere ich die Worte, die auf der gläsernen Ausgangstür des Museums für Sepulkralkultur in Kassel zum Abschied grüßen: Leben Sie wohl!
*Vielen Dank an Sven Cordes von Friedrich Cordes Bestattungen, Hannover