Auszug aus meinem Bewerbungsschreiben zum Open Call des Projekts `Gut Zusammenleben´ des Cameo Kollektivs:
Die Verbindung zwischen Hannover und mir begann, als die Fahrkartenschalter im Hauptbahnhof noch tief im Zementgrau unter den Gleisen verborgen lagen. Wenn der Zug Verspätung hatte, den ich nach der Schule in meinen Vorort nach Hause nehmen wollte, und ich keine 30 Pfennig in den Hosentaschen fand, um aus der Telefonzelle heraus zuhause Bescheid zu geben, dann sprach ich Passanten auf Kleingeld an. Die meisten übersahen mich eilig.
Später, viel später, als ich Anfang zwanzig und gerade zur Ausbildung nach Hannover gezogen war, fuhr ich an einem kalten Winternachmittag mit etwa hundert Menschen in der Straßenbahn durch die Stadt. Obwohl wir uns nur flüchtig kannten, gehörten wir zusammen. Wir waren `Kiezkollegen ́, Verbündete durch das erste Soziale Netzwerk in Hannover. Auf unserem Weg durch die Stadt stiegen wir hier und da in eine andere Linie um, fuhren einfach in die entgegengesetzte Richtung weiter, nur scheinbar ohne Ziel. Während die Bahn sich durch die Stadt schlängelte, schloss ich viele Freundschaften. In der Zukunft sollten sie für mich und mein Leben in der Stadt sehr bedeutsam werden. Viele dieser neuen Freunde waren von ihrer Leidenschaft zur Gestaltung getrieben, die vor allem in Musik und Graffitis zum Ausdruck kam. Um Gehör zu finden, schafften sie sich ihre eigenen Bühnen: Sie nahmen Songs auf, gründeten Labels, gestalteten Flyer, Albumcover, organisierten Konzerte, klebten Plakate, veranstalteten Partys, für sich selbst und für die Menschen der Stadt. Später waren Sie es, die die Galerien, Co- Workingspaces und Kulturvereine Hannovers gründeten. Durch die Begegnung mit ihnen lernte ich, dass eine Straßenbahn ein Ort der Verbindung zwischen Menschen sein kann und ich verstand, dass Kultur und Stadtbezug dort entstehen, wo Menschen die Freiheit haben, sich kreativ auszuleben. Also fing auch ich damit an, die passende Ausdrucksweise für mich zu suchen. Mein Mittel war das Wort. Schreiben, Reden, Gespräche festhalten, Diskussionen anzetteln, eine Stimme finden, sich Mitteilen und austauschen. Seither dokumentiere ich die Geschichten unserer Stadt und der Menschen, die sie erleben. Ich lade sie dazu ein, ihre Wahrnehmung zu schärfen, mit sich selbst und ihrer Umgebung in Resonanz zu gehen und ihre Selbstwirksamkeit zu entfalten. Ich schaffe – gemeinsam mit ihnen und für uns alle - Möglichkeiten, unseren Lebensraum so zu gestalten, wie wir in ihm miteinander leben wollen.
Heute fährt mein Zug gen Norden aus der Stadt hinaus. Ich wohne nicht mehr in Hannover, aber ich lebe hier. Ich halte an den Begegnungen mit den Menschen fest, lasse mich von der Urbanität inspirieren und versuche im Gegenzug meinen Teil für die Stadtgemeinschaft beizutragen. Es bedeutet mir viel, die Verbindung nicht einreissen zu lassen, durch die ich selbst so sehr wachsen und wurzeln konnte.