An einem Tag im Januar nehme ich teil an einer Trauerfeier, bei der ich weder den verstorbenen Menschen, noch seine Angehörigen kenne. Sven, der Bestatter* hat mich eingeladen, die Trauerfeier mit ihm und seinem Team vorzubereiten und als stille Beobachterin in der letzten Reihe daran teilzunehmen. Ein seltsames Gefühl, als würde ich mich einschmuggeln oder einmischen, wo ich mich raushalten sollte.
Als ich ankomme, wird gerade die Urne aufgebaut. Ich darf mitbestimmen wo die Kerzen stehen sollen und wie die Blumen dekoriert werden – übrigens keine Kränze mit letzten Grüßen wie ich sie so oft gesehen habe. Sondern Frühlingsblumen, Vorboten auf das Erwachen der Welt nach einem langen Winter. Ein Symbol fürs Leben inmitten einer Beerdigung.
Irgendwann im Gewusel des Aufbaus bin ich einen Moment allein. Vor mir die Urne mit der Asche einer Person, von der ich nicht mal weiß, ob sie ein Mann oder eine Frau gewesen ist. Fast ist es, als würde ich sie in Gedanken ansprechen und mich vorstellen. Ist es nicht seltsam, dass ihr Lebensweg und meiner sich ausgerechnet hier kreuzen, auf ihrer Beerdigung, in einem so intimen Moment? Es scheint ein wenig wie ein Akt der Selbstlosigkeit, hier zu helfen und zu unterstützen, etwas für jemanden zu tun, der das selbst nicht mehr wird tun können und von dem ich keinen Dank erwarten kann. Aber gleichzeitig fühle ich mich noch immer ein wenig wie ein Eindringling und weiß, dass die Szenerie nie so aussehen sein wird, wie wenn die verstorbene Person sie selbst hergerichtet hätte.
Im nächsten Moment kommt mir zum ersten mal der Gedanke, dass ich für meine eigene Beerdigung selbst bestimmen möchte, wie die Blumen aussehen oder der Raum geschmückt ist. Ich kaufe mir jedes Wochenende auf dem Markt meinen eigenen Blumenstrauß. Warum sollte ausgerechnet auf meiner Beerdigung jemand anders bestimmen, welche Blumen gekauft werden? Eine Beerdigung ist so sehr geprägt von den Vorstellungen der Angehörigen, davon, wie sie glauben, dass es dem oder der Verstorbenen gefallen hätte. Warum übernehmen so wenig Menschen selbst die Entscheidung? Vielleicht weil es ihnen egal ist. Aber sicherlich zum größeren Teil, weil sie sich über ihre eigene Trauerfeier noch nie Gedanken gemacht haben. Ganz genau so wie ich.
Nun stehe ich am Eingang des Künstlerateliers, in dem die Trauerfeier stattfinden wird. Einer der alternativen Orte, die Sven in seinem Portfolio anbietet, für Menschen, die sich nicht mit der Kirche verbunden fühlen. Gleich kommen die Trauergäste und ich bitte Sven noch um einige Verhaltenstipps, wenn ich die Angehörigen begrüße. Mir wäre lieber, ich dürfte mich irgendwo verstecken. Dann ist es so weit. Alle Gäste nehmen ihren Platz ein. Der Redner beginnt zu sprechen. Er hat eine sehr eigene und ungewöhnliche Art, seinen Vortrag zu halten. Zwischendurch bringt er immer wieder kleine Pointen ein oder erzählt kurze Anekdoten aus seinem eigenen Leben. Behutsam flicht er so immer wieder das Leben ein in eine Ansprache, deren Anlass der Tod ist. Doch auch hier kommt mir der Gedanke, dass es irgendwie nicht richtig ist, dass jemand anderes für den verstorbenen Menschen spricht, als er selbst. Was wäre, wenn ich selbst meine Trauerrede schreiben würde? Wenn ich jedem meiner Gäste noch etwas sagen könnte? Wenn alle sicher sein können, dass es wirklich in meinem Sinne ist, was gesprochen wird? Vielleicht könnte ich meine Worte sogar auf Tonband aufnehmen. Dann bräuchte es gar keinen Redner. Gleichsam aber auch eine komische Vorstellung: Mein Geist schon nicht mehr da, aber noch meine Stimme?
Obwohl ich mit diesen Gedanken etwas abschweife während der Rede, bin ich dennoch immer wieder auch von ihr gerührt und ergriffen. Losweinen wäre hier total Fehl am Platz, denke ich. Aber warum eigentlich? Weil ich nicht über den Verlust der Person weinte, sondern über die Schönheit des Lebens? Ich verdrücke heimlich ein halbes Tränchen als Kompromiss zwischen dieser Hin- und Hergerissenheit. Ein Trauergast hingegen weint laut. Ihn packen die Emotionen und er heult verzweifelt als einziger Gast zwischen einer Gruppe von Menschen, die alle ganz leise in ihr Taschentuch schnupfen. Ich erinnere mich daran, was ich im Museum für Sepulkralkultur gelernt habe: In Ghana, einem stark christlich geprägten Land Afrikas, ist es üblich und wird sogar erwartet, dass die Trauergäste und vor allem die Frauen unter ihnen lauthals ihre Trauer hinaus weinen, ihr Leid klagen und sogar ihre Kleidung zerreißen, um zu zeigen, wie sehr der Verlust ihres Verstorbenen sie trifft. In den Ländern hingegen, in denen der Buddhismus die stärkste Religion ist, wird das demonstrative Klagen vermieden, da man glaubt, es verhindere die verstorbene Seele daran, sich vom Irdischen zu lösen. So groß der Schmerz der Hinterbliebenen manchmal ist, so unterschiedlich kann auch der Umgang mit ihm in den verschiedenen Kulturen der Welt sein. Und so erscheint mir der große, weinende Mann wie eines der afrikanischen Klageweibern unter lauter Zen-Mönchen.
Nach der Trauerrede, als alle Gäste zu Kaffee und Kuchen übergehen, dem „Leichenschmaus“ (ein Wort, dass mir im gesamten Beerdigungs-Kontext das Unangenehmste ist), beginnen wir mit dem Abbau. Die Pflanzen werden eingesammelt, die Kerzen gelöscht, die Urne in einer Kiste verstaut. Ich packe mit an als hätte ich nie etwas anderes getan. Die Tatsache, dass wir die Überreste eines toten Menschen transportieren, fühlt sich nicht mehr so ungewohnt an. Als ich auf dem Fahrrad nach Hause fahre, denke ich darüber nach, dass es ein schönes Gefühl ist, etwas dazu beizutragen, dass Menschen ihren Emotionen freien Lauf lassen können. Es ist kein Akt der Selbstlosigkeit. Denn auch ich nehme daraus etwas für mich mit: Anregungen zu meinem eigenen Leben und Sterben und ein Gefühl der Zugehörigkeit im alltäglichen und lebendigen menschlichen Miteinander.
*Dank an Friedrich Cordes Bestattungen